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Like und Dislike: Von den sozialen Medien bis in die Antike

EIN TEXT VON CARINA

Soziale Medien nutzen die Darstellung von Handzeichen als Sprachrohr der menschlichen Zustimmung oder Ablehnung. So kann ein kleines Zeichen unter einem Post, Bild oder Video vielschichtig sein und ein gewisses Maß an Macht in sich bergen. Doch nicht nur im modernen Zeitalter konnte der Daumen unser (soziales) Leben bestimmen. Welche vermeintliche Rolle spielte er in der Antike?

Schon nach ein paar Minuten strömen die Benachrichtigungen ein, dass deine digitalen ‚Freunde‘ deinen Facebook-Post geliket haben: Nach 10 Minuten sind es 13, nach 30 sogar 38. Du merkst, wie dein Selbstwert steigt, du fühlst dich gehört und bedeutend. Wenn jemand deinen Post teilen würde, wäre es ein Beweis für dich, dass deine Meinung von großer Bedeutung ist?

Die meisten Social-Media-Plattformen nutzen die Like-Funktion. Diese positive Bestätigung der (Selbst-)Darstellung kann sich am Beispiel von Facebook und YouTube am Daumen nach oben ausdrücken. Dabei simuliert ein abstraktes Zeichen die Handhaltung und den Zuspruch eines realen Menschen. Im Gegensatz dazu ist die Dislike-Funktion in den sozialen Netzwerken eher sporadisch vertreten. So müssen sich kritische Stimmen auf Facebook, Instagram oder Twitter mit der Kommentarfunktion begnügen. Doch für dich geht es positiv weiter: nach 40 Minuten sind es 52 Likes, der Post wurde sogar zweimal geteilt.

Beispielsweise bietet YouTube den Daumen nach unten an, mit dem ein vernichtendes Urteil über das Video einhergehen kann. Denn durch dieses kleine Icon erhalten die Rezipierenden die Macht, das dort präsentierte Werk als misslungen zu bewerten. Hier kann jede*r kritisieren – ohne Erklärung, mit einem einfachen Klick in Sekundenschnelle. Für dich schaut es rosig aus, nach einer Stunde haben 70 Personen deinen Post geliket.

Nicht nur auf Facebook ist der Handgestus ein Phänomen, das mittlerweile Pop-Status erhalten hat, wie es sich anhand von Merchprodukten zeigt.

Auch real getätigte Handbewegungen können via Social Media Kultstatus erlangen. So ist die drehende Handbewegung in der heiß diskutierten Videoaufnahme ‚die Umfrage zum Integrationstest (was nicht gesendet wurde)‘ mit dem Schauspieler Tedros „Teddy“ Teclebrhan zu einem humoristischen Handlungselement einer ganzen Generation geworden. 

Auf Youtube erhielt das Video 373.496 Likes, 15.359 Menschen drehten ihren digitalen Daumen lieber nach unten.

Tedros Teddy Teclebrhan: Umfrage zum Integrationstest (was nicht gesendet wurde); 4:35-4:45

Doch welche vermeintliche Bedeutung hatte der Daumen hoch bzw. runter in der Antike? Wer führte diesen Gestus aus? Bei den brutalen Gladiatorenkämpfen im antiken Rom passten Zehntausende Menschen in ein Amphitheater. Es ist ein hartnäckiges Klischee, das nicht zuletzt von Hollywood gefestigt wurde, dass während der Spiele der Imperator über das Leben des verlierenden Gladiators entschieden hätte, indem er mit seinem Daumen nach oben oder unten zeigte.

Wahrscheinlich hat diese Vorstellung ihren Ursprung in der Frühen Neuzeit, die zusätzlich durch das Ölgemälde ‚Pollice verso‘ („Daumen nach unten“) des Künstlers Jean-Léon Gérôme aus dem Jahr 1872 geprägt wurde. In diesem signalisiert das stark erregte Publikum mit seinen nach unten weisenden Daumen, dass der zu Boden liegende Kampfsportler exekutiert werden sollte. Allerdings starb tatsächlich wohl ‚nur‘ jeder fünfte Gladiator in der Arena.[1] Dennoch verweist das Gemälde auf die wichtige Rolle des Publikums: Wenn ein unterlegener Gladiator aufgab, konnte es nicht nur mit Zurufen Einfluss auf die Entscheidung des Spielveranstalters nehmen, sondern auch mit uns unbekannten Handzeichen.[2]

Jean-Léon Gérôme, Pollice verso, 1872, Öl auf Leinwand, 96,5 x 149,2 cm, Phoenix Art Museum (Arizona). In:  https://phxart.org/arts/pollice-verso-thumbs-down-pollice-verso-con-el-pulgar-al-reves/

Unabhängig davon, ob der Gestus tatsächlich bei den Gladiatorenspielen ausgeführt wurde, zog der nach oben oder unten zeigende Daumen nicht nur in unsere analoge Lebenswelt ein, sondern auch in die sozialen Medien. So erhalten die User*innen als Publikum die Macht, über andere zu urteilen. Obwohl es im Kontext der antiken Gladiatorenkämpfe drastischer zuging, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Likes Glücksgefühle auslösen können.[3]

Auch die antiken Kämpfer befanden sich sicherlich in einem regelrechten Bad aus Endorphinen, wenn sie das tobende Publikum feierte. Wenn man jedoch ein Dislike erhält, dann kann es für den einen oder die andere – um in der Sprache der antiken Spiele zu bleiben – gar den sozialen Tod bedeuten. Vielleicht sparen Social-Media-Plattformen genau deswegen eher mit diesem Icon. Vielmehr sollen die Nutzenden so viel Zeit wie möglich in der Anwendung verbringen und ein Maximum an positiven Erfahrungen erreichen. Damit kann das Publikum ständig jubeln. Und jetzt zurück zu dir: Dein Post stagniert bei 93 Likes und wurde fünfmal geteilt – wie fühlst du dich?


[1] FAZ Interview: „Der Gladiator richtete seinen Daumen gegen die Kehle“, von Peter-Philipp Schmitt mit dem Historiker und Schriftsteller Marcus Junkelmann (zuletzt aktualisiert am 22.06.2006), in: https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball-wm-2006/stars-stories/interview-der-gladiator-richtete-seinen-daumen-gegen-die-kehle-1329900.html.

[2] Webseite zur Sonderausstellung: ‚Gladiator. Die wahre Geschichte‘ im Antiken Museum Basel und Sammlung Ludwig (22.09.2019 bis 22.03.2020), in: http://gladiator.antikenmuseumbasel.ch/.

[3] Süddeutsche Zeitung: Hirnforschung mit Facebook. Wie die Gier nach Likes das Gehirn antreibt, von Kai Kupferschmidt (11.11.2015), in: https://www.sueddeutsche.de/wissen/hirnforschung-mit-facebook-wie-die-gier-nach-likes-das-gehirn-antreibt-1.2732043.

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