Kunst ist Kommunikation: Ein Interview mit Franziska Weygandt über das Projekt „sechzigcent“

📷 Sarah Hetzel 

Kunst und Corona: Das Dauerthema des vergangenen Jahres lässt uns auch 2021 nicht los. Diese Woche habe ich mit Franzi gesprochen. Sie ist Kunstwissenschaftlerin und Künstlerin mit Wohnsitz in Kassel. Zusammen mit Anna Hetzel hat sie die Post genutzt, um die räumliche Trennung, die durch das Ende des gemeinsamen Studiums entstand, zu überbrücken. Wie sie das gemacht haben, erfahrt ihr in unserem Interview!

📷 Sarah Hetzel: Franziska Weygandt (links) und Anna Hetzel (rechts)
Das Endresultat eures Projekts „sechzigcent“ konnten Besucher*innen vom 24.07.2021 bis 17.08.2021in der Warte für Kunst in Kassel sehen. Ihr habt 2020 begonnen, euch gegenseitig Postkarten zu schreiben, habt dann einen Instagram-Kanal ins Leben gerufen, eine Ausstellung eröffnet und ein Buch mit euren Postkarten und mit Gastbeiträgen drucken lassen: Wie entstand diese Konzeptidee? Was war eure Inspiration? 

Wenn ich heute zurückblicke, empfinde ich unseren Prozess wie einen kleinen Schneeball, der im Laufe der Zeit zu einer Lawine geworden ist. Anna und ich haben zusammen in Frankfurt a.M. am Institut für Kunstpädagogik studiert. Haben mehrere Jahre ein Atelier geteilt, zusammen gearbeitet und zusammen ausgestellt. Nach meinem Bachelor habe ich jedoch entschieden Frankfurt zu verlassen, um Kunst zu studieren. Sich gegenseitig kleine Kunstobjekte in Form von Postkarten zu senden, stand damals schon im Raum. Dann kam im März 2020 der erste Lockdown und ich fand Anfang April die erste Postkarte von Anna in meinem Briefkasten. Ein Jahr lang haben wir uns geschrieben – wegen einer kleinen Postkarte. 

Ich habe mir die Postkarten eurer Arbeit genauer angesehen. Sie waren mal groß, mal klein, mal bunt, mal monochrom, mal aus Pappe, mal mit Pinselstrichen: Was war euch als Künstler*innen besonders wichtig bei der Anfertigung?  

Bei mir war der Ablauf sehr unterschiedlich. Manchmal habe ich das genommen, was gerade in Reichweite war. Manchmal habe ich mir sehr viele Gedanken über die Konzeption des Motivs gemacht. Aber die Wertigkeit ist heute die Gleiche. Wenn man die Seiten des Buches durchblättert, können die Leser*innen bestimmte Materialphasen und Entwicklungen nachvollziehen, welche ich im Verlauf der Arbeit mehrfach verwendet habe. Bei Anna war es so, dass sie einen Stapel Postkarten stets griffbereit vorbereitet hat. Sie hatte zum Beispiel eine Mona Lisa-Phase. Diese beinhaltete bestimmt 10 verschiedene Varianten des Motivs. 

Da euer Schriftverkehr im ersten Jahr der Pandemie begann, habe ich mir die Frage gestellt: Wieviel Corona steckt in eurem Werk? 

Ich glaube, sehr viel. Ohne die Pandemie wäre es wohl eine ganz andere Arbeit geworden. Wenn wir sie überhaupt gemacht hätten. Weil ich alleine lebe, habe ich mich während der Einschränkungen sehr schnell, sehr weit weg gefühlt. Meine Sehnsucht nach Material und der Wunsch etwas anzufassen, ließ sich durch den Postkartenversand stillen. Ich konnte wieder etwas mit meinen eignen Händen berühren, etwas erschaffen. Und zu wissen, dass die Karten durch die Hände der Postboten*innen ihren Weg zu Anna finden, war für mich sehr wichtig. Beim Schreiben und Entwerfen hatte ich zum Teil ein viktorianisches Gefühl – wie in einem Jane Austen Roman. Wo man leicht depressiv am Schreibtisch sitzt oder den ganzen Tag im Bett liegt, während draußen Pest und Cholera herrscht. Zum Beispiel wurde die Post ca. 2 Wochen im Winter nicht zugestellt, weil 30cm Schnee lag. Dieses Gefühl der Ungewissheit, ist in unserer Arbeit stark wiederzufinden. Auch ein Freund von Anna ist an Covid-19 erkrankt und verstorben. Für ihn hat Anna eine extra Karte angefertigt, sodass er einen Platz in unserer Arbeit fand. 

Das habe ich auch beim Lesen eurer Arbeit gemerkt. Ihr tauscht euch nämlich nicht nur durch die Postkarten über die Planung des Projekts aus, sondern philosophiert zum Beispiel auch über das „austragen“ der Deutschen Post. Ich zitiere: „Austragen: Post und Babys werden ausgetragen. Wo ist der Zusammenhang?“: Kannst du diese Frage nach dem Closing der Ausstellung beantworten? 

Eigentlich war es eine „Quatschfrage“. Ich weiß nicht, ob das wirklich etwas miteinander zu tun hat. Aber ich kenne das Sprichwort: mit etwas schwanger gehen. Unser Ansatz ist da ein ganz ähnlicher, weil wir uns im Voraus viele Gedanken über das Projekt gemacht haben. Wir haben unsere Idee reifen lassen und haben ihr Zeit gegeben zu wachsen – wie ein Baby in der Gebärmutter. Dieser zeitliche Aspekt hängt wahrscheinlich eng damit zusammen. Für mich spielt aber vor allem die Entschleunigung eine entscheidende Rolle. 

Ihr habt Instagram als Methode der digitalen Kunstvermittlung genutzt: Inwieweit spielt Social Media eine Rolle bei eurer Auseinandersetzung mit Kommunikation?  

Social Media war zwar Teil unseres Prozesses, aber das Buch ist die Arbeit. Über den Instagram-Kanal haben wir auf das Buch aufmerksam gemacht, um es zu finanzieren. Der Prozess bestand darin, analoge Kommunikation in den digitalen Raum zu übersetzen, um ein Buch zu veröffentlichen, das diese wieder in ein analoges Medium zurückführt. Postkarten wurden fotografiert, digitalisiert und abgedruckt. Auf Instagram haben wir uns die Frage gestellt, auf welcher Art und Weise wir die Postkarten künstlerisch darstellen und veröffentlichen können. 

Die Postkarten lassen eure Leser*innen hinter die Kulissen einer Ausstellung bzw. hinter das künstlerische Projektmanagement blicken: Könnte man sagen, das gedruckte Buch ist das, was Stories bei Instagram sind? 

Das voyeuristische Element ist wahrscheinlich ein inhärenter Bestandteil einer Postkarte, da es kein Briefgeheimnis gibt und jede*r die Karte lesen kann. Auch bei unserer Ausstellung in der Warte für Kunst wollten wir diesen Aspekt aufgreifen und haben bewusst den Tisch und die Sitzgelegenheiten offen vor der großen Fensterfront arrangiert. So wollten wir die Personen, die von außen in den Ausstellungsraum blickten, einbinden und teilhaben lassen. 

📷 Sarah Hetzel: Warte für Kunst, Kassel
Aus deinem Standpunkt als Künstlerin und Kunsthistorikerin: Sind Bücher leichter als Kunstwerke zu verstehen? 

Nein. Ein Kunstwerk kann alles sein – also auch ein Buch. Es unterscheidet sich je nach Art des Kunstwerks und in der Weise, wie man es liest. Aber ich glaube nicht, dass allgemein etwas leichter oder schwerer zu verstehen ist. In meiner Bachelorarbeit habe ich mich zum Beispiel mit mittelalterlicher Buchmalerei auseinandergesetzt. Für mich ist das Thema und die Auseinandersetzung omnipräsent. Wenn es beim Publikum „Klick“ macht, ist der Verständnisprozess derselbe. 

Mit Blick auf die Besucher*innen, Follower*innen und Leser*innen: Welcher Part eures Projekts, hat sie deiner Meinung nach besonders bewegt? Konntet ihr den Erfolg in irgendeiner Form messen? 

Da wir verschiedene Ansätze verfolgten, fällt heute unser Feedback entsprechend individuell aus. Aber eine schöne Geschichte die mir zugetragen wurde, war von einer Leserin, die beim Gastbeitrag von Caroline Schmitt so laut lachen musste, dass die Nachbarn klingelten, um zu fragen, ob alles okay sei. Das war wirklich interessant und sehr lustig, weil Caroline später erzählte, dass sie ihren Beitrag als „Emo“-Text angelegt hatte. Um den Effekt unserer Maßnahmen zu messen, müsste man aber die Betrachter*innen explizit ansprechen. 

Jetzt noch ein kleiner Werbeblock für eure Arbeit: Euer Buch kann man auch nach der Ausstellung bei euch bestellen. Ab wann wird für dich das Kunstwerk zur Ware? 

Eine schwierige Frage, die wohl immer wieder im Kunstmarkt und dessen Verhältnis zu Kulturgütern gestellt wird. Mir fiel es früher schwer meiner Kunst einen Preis aufzudrücken. Am liebsten würde ich auch noch heute meine Arbeiten verschenken, aber irgendwann sollte man auch Lohn für die eigene Arbeit entgegennehmen. Wir haben zum Beispiel bei unserem Projekt viel Zeit investiert. Ich glaube, in unserer kapitalistischen Welt wird vieles – ob materiell oder immateriell – zur Ware. 

Meine letzte Frage an dich: Kann Kunst Kommunikation ermöglichen? 

Kunst ist Kommunikation. Auch unsere Ausstellung war als Kommunikationsraum angedacht, in dem Leute zusammenkommen und über die Arbeit sprechen können. Außersprachliche Kommunikation ist ebenfalls eine Form der Kommunikation. Aber wenn Kunst keine Kommunikation ermöglichen kann, dann ist es wahrscheinlich auch keine Kunst. 

Vielen Dank, Franzi! 

Anfragen oder Buchbestellungen an: annahetzel@franziskaweygandt.com

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