admission, coupon, admit

Holographie in der Kulturszene: Echtes Glück oder teurer Spaß?

Was haben Zirkustiere und Tupac gemeinsam? Richtig, sie sind alle im Zeitalter der Hologramme angelangt. Der Circus Roncalli hatte beispielsweise mit seiner Tournee 2019 „Storyteller: Gestern-Heute-Morgen“ den Finger am Puls der Zeit: Durch innovative Bühnen-, Licht- und Holographietechnik schaffte es der Zirkus auf lebendige Tiere zu verzichten. Da waren nicht nur die Tierschützer*innen begeistert, sondern auch die zahlreichen Besucher*innen des „Roncalli-Zaubers“[1]. Und wie sieht es bei Live-Konzerten aus? 

Der „Hologram Gig“ wird schon seit langem als „[d]ie Zukunft des nostalgischen Konzerterlebnisses“ [2]gesehen. Verstorbene Idole werden wieder zum ewigen Leben erweckt. 2012 wurde ein Video von einem Live-Hologramm-Konzert des Rappers Tupac auf dem Coachella Valley Music and Arts Festival veröffentlicht. Heute hat das Video über 54 Mio. Aufrufe auf YouTube. Es scheint also auf den ersten Blick zu stimmen. Tot oder lebendig: Der Rapper wird gefeiert. Aber ist eine solche Hommage auch rechtlich als Hommage zu sehen oder handelt es sich dabei eher um eine Kopie oder sogar Fälschung? 

Nicht unbeteiligt am Begriffswirrwarr ist wohl die stetig voranschreitende Kommerzialisierung der Kunst: Zwar sind Hologramme noch nicht in der Massenproduktion angelangt, wenn man es jedoch aus kunstwissenschaftlicher Sicht betrachtet, nimmt der Künstler Tupac bei dem „Hologram Gig“ die Rolle des Originals ein. Er dient demnach als Vorbild für die Nachahmung, die das Original technisch übertreffen soll.[3] Wann wird diese Nachahmung folglich zur Hommage: 

„Im Bereich der Kunst kann ein Werk, das als Hommage bezeichnet wird, als Wiedergabe eines Werks eines anderen Künstlers beschrieben werden. Die Hommage kann aber auch im weitesten Sinne lediglich eine Beziehung zu dem gehuldigten Künstler oder dessen Werk herstellen.“[4]

Franziska Brinkmann

Mit dem „Hologram Gig“ als Form der Wiedergabe wird der Künstler zur virtuellen Legende. Aber macht uns das glücklich? In einer Studie von 2013 untersuchte Karl-Heinz Reuband, wie sehr Partizipation an der Hochkultur Lebenszufriedenheit begünstigen kann. Sein Fazit: „Wer häufig Einrichtungen der Hochkultur nutzt, ist mit seinem Leben zufriedener.“[5] Ist es also keine Frage der Originalität und Echtheit, sondern vielmehr des eigenen Glücksgefühls beim Besuch des Live-Events? Bestes Beispiel ist die synthetische Sängerin Hatsune Miku aus Japan. Sie füllt ganze Hallen voller Leuchtstab schwingender Teenager und verkörpert dabei eine Pop-Ikone im Schulmädchen-Look aus einer fernen, digitalen Welt. 

Doch was ist uns ein solches Hologramm-Event wert? Circus Roncalli bietet seine Eintrittskarten zurzeit ab 27,40 Euro zum Verkauf an. Artisten natürlich inbegriffen. Bei „Hologramm Gigs“ von Whitney Houston und den Beatles können es für treue Fans zwischen 30 und 70 Dollar werden. Und die Nachfrage wächst.[6] Sind daher vielleicht Hologramm-Konzerte das neue, virtuelle Full-Playback?

Wenn es zum Thema Hologramme in der Kulturszene kommt, gibt es noch viele unbeantwortete Fragen. Aber auch genauso viele unerschlossene Möglichkeiten. Ob im Zirkus oder Konzert: Hologramme erschaffen ein Live-Erlebnis der besonderen Art. In diesem Sinne: Manege frei für die Holographie! 


[1]https://www.roncalli.de/sites/default/files/medieninformationen_2019_muenchen.pdf

[2]https://www.rollingstone.de/abba-roy-orbison-wie-funktionieren-hologramm-konzerte-1722775/

[3] Vgl. Jehle, Oliver und Thomas Dreier: Einleitung, in: Dreier, Thomas und Oliver Jehle (Hrsg.): Original – Kopie – Fälschung (Bild und Recht – Studien zur Regulierung des Visuellen, Bd.3), Baden-Baden 2020, S.11-13. 

[4] Brinkmann, Franziska: Formen der Kopie von der Fälschung bis zur Hommage – Eine Begriffsbestimmung und ihre Grenzen, in: Dreier, Thomas und Oliver Jehle (Hrsg.): Original – Kopie – Fälschung (Bild und Recht – Studien zur Regulierung des Visuellen, Bd.3), Baden-Baden 2020, S.69. 

[5] Reuband, Karl-Heinz: Macht Kultur glücklich? Überlegungen und Befunde zum Verhältnis von kultureller Partizipation und Lebenszufriedenheit, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 38, 2013, S.89.  

[6]https://www.sueddeutsche.de/kultur/hologramme-konzerte-pop-moral-1.4550603

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.