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Zeitgenössischer Tanz auf Social Media: Vorhang auf! Smartphone an!

Musikvideos auf MTV oder private Homevideos als Aufzeichnung einer Probe: Die Intermedialität des Tanzes ist als Kunstform zu verstehen, die sich heute als Videotanz vor allem in der Jugendkultur der Social Media an großer Begeisterung erfreut. Ob bei TikTok, YouTube oder 9GAG. Die Mischform aus Tanz und Film ist seit 1981 omnipräsent.

Die selbstproduzierten Tanzstücke und audiovisuellen choreographischen Werke gehen viral und erreichen Millionen Zuschauer*innen. Dabei ist die physische Bewegung die Basis.[1] Doch fördert das Internet die Kreativität  und wie sieht die Beziehung von Tanz, Social Media und Video-Creatorn aus? 

Ab 2007 fand der Sketch ‚Random Dancing‘ als fester Bestandteil der Jugendserie iCarly des Senders Nickelodeon seinen Weg in die Kinderzimmer. Zu lauter Musik, spektakulärem Lichtspiel und mit wilden Bewegungen tanzten die Hauptdarstellerinnen Carly und Sam durch das Studio ihrer Live-Webshow, mit Freddie, dem technischen Produzenten hinter der Kamera. Heute hat die Digitalisierung die analogen Medien erfasst und vereint sie nicht nur im Computer, [2] sondern auch in Mobile Apps auf dem Smartphone. Hier behaupten Video-Creator wie Carly, Sam und Freddie täglich ihre Stellung. Für solche Formate sind sich auch Prominente nicht zu schade. Michelle Obama macht’s bei iCarly vor.

Die steigende Bekanntheit der Synthese aus Tanz und Video im Internet brachte 2002 eine Studie in der akademischen Zeitschrift Leonardo hervor. Die Zeitschrift befasst sich mit zeitgenössischer Wissenschaft und Technologie in Kunst und Musik. Es wurde untersucht, ob choreographische Online-Projekte die Kreativität der Benutzer*innen fördern kann. Ergebnis: Interaktivität, die nur die Kommunikation zwischen dem menschlichen Benutzer*in und dem Computer umfasst, scheint nicht das gleiche Potenzial für Kreativität zu haben. Für Sita Popat und Jacqueline Smith-Autard gibt es dennoch eine Vielzahl von Möglichkeiten für Kreativität zwischen Tänzer*innen und Benutzer*innen, bei denen der Schlüssel in der Multimedia-Kommunikation liegt.[3]

Zwar lebt Social Media von der Interaktion in Form von Kommentaren und Likes, jedoch sind es die Video-Produzent*innen selbst, die abliefern müssen. Mit teuren Kameras, Ringleuchten und perfektem Social Media-Makeup performen sie für ihre Follower. Als „dialogisch und partizipativ“[4], beschreibt Claudia Rosiny die Tanzästhetik im/via Internet bereits im Jahre 2013. Der Bezug von Körper, Tanz und Örtlichkeit spielt in solchen Tanz-Videos eine zentrale Rolle. Der digitale Raum wird zur Bühne. Das Kinderschlafzimmer zum Tanzstudio. 15-60 Sekunden Ruhm und Ehre. Da stellt sich natürlich die Frage, was uns heute noch ein Besuch eines Tanztheaters wert ist. Oder, ob das noch qualitativ hochwertiger und ausdrucksstarker Tanz ist oder schlicht die Begierde nach Fans des Massenkommerz widerspiegelt. 

Eins haben Tradition und Videotanz jedenfalls gemeinsam: Sie bringen uns zum Lachen, Nachdenken oder zum Mitmachen. Der Videotanz bereichert unseren Alltag und inspiriert uns. Er drückt eine seelische Stimmung durch die Bewegung aus. Und wenn das Video vorbei ist, fällt der Vorhang und es öffnet sich ein Neuer. Grenzenlose Aufführungen. Bis der Akku leer ist. 


[1] Vgl. Rosiny, Claudia: TANZ FILM. Intermediale Beziehungen zwischen Mediengeschichte und moderner Tanzästhetik, Bielefeld 2013, S.10-15. 

[2] Vgl. Ebd., S.15-27. 

[3] Vgl. Popat, Sita und Jacqueline Smith-Autard: Dance-Making on the Internet: Can On-Line Choreographic Projects Foster Creativity in the User-Participant?, in: Leonardo, Bd. 35, Nr. 1, 2002, S.31-36.

[4] Rosiny, Claudia: TANZ FILM. Intermediale Beziehungen zwischen Mediengeschichte und moderner Tanzästhetik, Bielefeld 2013, S.293-294. 

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