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Betriebssysteme und Catfishing: Ist das die Zukunft des Online-Dating?

Das Geschäft mit Partnervermittlungen und Singlebörsen im Internet boomt: Die Anzahl der Nutzer*innen von Online-Singlebörsen weltweit wird für die Jahre 2017 bis 2024 auf rund 276,9 Millionen Nutzer*innen geschätzt. Zwar lautete die Antwort von 46% auf eine Umfrage unter Männern und Frauen zur Nutzung von Online-Dating-Portalen im Jahre 2018 noch, dass Online-Dating für sie bisher keine Option war. Und doch steigt die durchschnittliche Anzahl der Abonnenten weltweit stetig. Tinder erreichte sogar bis zum 1. Quartal 2020 6,03 Millionen zahlende Nutzer*innen.[1] Was sagt das über die Liebe aus und wie könnte die Partnersuche der Zukunft aussehen? 

Der deutsche Kultursoziologe und Hochschullehrer Günter Burkart spricht in seiner Veröffentlichung „Soziologie der Paarbeziehung“ von einer „Mediatisierten Liebe“. Einer Liebe die früher noch durch Bücher oder Filme ihre Verbreitung fand und heute durch die Singlebörsen im Internet vermittelt wird. Das Internet übernimmt somit zunehmend die Definition der Liebe und die der Paarbeziehung.[2] Sein abschließendes Statement dazu lautet: 

“Vielleicht hilft das Internet in Zukunft noch mehr dabei, der romantischen Utopie in kulturell vielfältigerer Gestalt globale Geltung zu verschaffen und sie mit regionalen Varianten der Liebe anzureichern, so dass auch andere Formen von Liebe die Bindung zweier sich Liebender begründen können.“[3]

In dem Filmdrama „Her” lässt sich sein Standpunkt wiederfinden. Hier wird eine neuartige Utopie des romantischen Online-Datings erzählt. Galt der Film bei seiner Veröffentlichung im Jahre 2013 noch als Science-Fiction, fühlt sich die Liebe zwischen einem Betriebssystem namens Samantha und einem introvertierten jungen Mann gar nicht mehr so unrealistisch an.

Vielleicht kann es aber auch daran liegen, dass uns heutzutage auch schon die eine oder andere skurrile Online-Dating-Erfahrung widerfahren ist oder man schlicht die eigene Amazon Alexa auf dem Küchentisch stehen hat. Und vielleicht überrascht dann im Jahre 2020 auch das tragische Ende nicht mehr, als sich Samantha in 641 andere Betriebssysteme verliebt und ihren menschlichen Freund für eine Reise in die reine Virtualität aufgibt. Klingt doch fast nach einem Fall für Nev und Max von der TV-Show Catfish, oder? 

Die TV-Show läuft vom Ablauf immer gleich ab: Nev und Max helfen einen Catfish aufzuspüren und die Wahrheit über ihn oder sie ans Licht zu bringen. Jedoch übertreffen sich die Geschichten an Kuriosität. Mal ist der Catfish der eigene Ehemann, mal das Mobbingopfer und mal das Model, das sich etwas zu viel retuschiert hat. In dem Zusammenhang bedeutet Catfish also, dass sich eine Person im Internet für eine andere ausgibt. Die andere Person glaubt jedoch die Person, der das Fake-Profil gehört, sei echt und verliebt sich in sie ohne die Person jemals persönlich gesehen zu haben. Wie auch bei „Her“ ist dabei ein Happy-End eher die Seltenheit.

Könnte demnach ein Betriebssystem der neue Catfish werden? In Zukunft sicherlich, denn nicht nur Ghostwriter für Online-Dating-Nutzer*innen sind bereits seit einigen Jahren im Umlauf.[4] Zwar ist hier nicht das Profilbild ein Fake, sondern die Person, die interagiert. Aber macht es das besser? Das Erste unterscheidet sogar zwischen 3 Arten von Fake-Profilen: 

  • Spammer: Sie sind im Auftrag von anderen kostenpflichtigen Portalen unterwegs, um die Nutzer für ihre Auftraggeber abzuwerben.
  • Scammer: Klassische Heiratsschwindler gaukeln die große Liebe vor, wollen dann aber nur Geld für Flug, Visum, Arztbesuch oder anderes.
  • Portalbetreiber: Bezahlte Animateure sollen im Auftrag des Portals User zur Nutzung von kostenpflichtigen Funktionen bewegen. Das ist aus Sicht einiger Portalbetreiber legal, denn darauf wird in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) hingewiesen.[5]

Ob als Betriebssystem oder Catfish: Die Zukunft des Online-Dating sieht gleichzeitig abenteuerlich als auch befremdlich aus. Lovescout24 stellt zum Beispiel zu den aufkommenden Dating-Trends verschiedene Thesen vor: Zum einen spielen neue Technologien eine Rolle, wie Augmented und Virtual Reality (Romantic Gamification), aber auch Automated-Dating kann durch lernender Algorithmen und Datenanalysen einen neuartigen Datingprozess (Love at First Byte) kreieren.[6] Wer sich also in Zukunft an’s Online-Dating wagt, kann sich auf etwas gefasst machen. Auch wenn es am Ende heißt: It’s a match! 


[1] Vgl. Online-Dating : Statista-Dossier zum Thema Partnersuche im Internet, Hamburg 2019, S.17, 24, 32. 

[2] Vgl. Burkart, Günter: Soziologie der Paarbeziehung. Eine Einführung, Wiesbaden 2018, S.343-344. 

[3] Ebd., S. 369.

[4]https://www.futurezone.de/digital-life/article214145815/Auch-Tinder-hat-seine-Ghostwriter-So-arbeiten-sie.html

[5]https://www.daserste.de/information/ratgeber-service/vorsicht-verbraucherfalle/sendung/falsche-flirts-single-boersen-fake-profile-100.html

[6]https://www.lovescout24.de/p/magazin/dating-trends-die-zukunft-des-online-datings/

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